Reise, Reise, morgen Scheiße! (°Zitat von P. Kivilaakso)

Hier für alle die genug Geduld haben ein 4,5 seitiger, sehr ausführlicher Bericht über meine Odyssee von Tampere nach Biebesheim. ;)

 

Wie lang kann es dauern von Tampere über Stockholm und Berlin nach Frankfurt zu kommen? Nicht allzu lang sollte man meinen.
Was allerdings passiert wenn wirklich alles schief geht, was überhaupt nur schiefgehen kann, durfte ich erleben.

Donnerstag, 16. Dezember 2010, 16:35 Uhr, finnische Zeit, Tampere Lukonmäki
Die letzte Klausur ist geschrieben, nicht wirklich erfolgreich nach nur drei Stunden Schlaf, aber immerhin. Die Bordkarten sind gedruckt und der Koffer gepackt.
Mit dem Koloss und einer tonnenschweren Laptoptasche bewaffnet steige ich in Bus Nummer 13 in Richtung Zentrum. Die einzige Sorge in diesem Moment ist, dass wir aus irgendwelchen Gründen zu spät in Turku ankommen könnten.
Ich schleife meinen Koffer von der Haltestelle Koskipuisto zum Treffpunkt vor dem Musikladen EPE’s und unterstütze dabei unfreiwillig sämtliche Schneeräumkräfte von Tampere.
Eine halbe Stunde stehen ich und Nora die bald hinzukommt in der Kälte und warten auf Alisa, die sich verspätet hat.
Sie kommt schließlich doch noch und nachdem wir Jasmin und Saba aufgegabelt haben geht es los Richtung Turku.
Kleinere Zwischenfälle wie Verfahren in Tampere, Sonntagsfahrer auf der Straße und ein verwirrendes Hafengelände in Turku können uns nicht aufhalten und wir betreten pünktlich um 21.00 Uhr, nachdem wir noch Irina getroffen haben, die M/S Isabella.

Alles ist so weit sehr lustig, großer Spaß und auch klärende Gespräche mit Jasmin, ein guter Gig von Uniklubi und ich zum ersten Mal mit der Kamera in den Händen, die ich nach Weihnachten von Alisa kaufen werde. Da kann auch schwerer Seegang meine Laune nicht trüben. Dass die Nacht nicht geschlafen würde, hatten Irina und ich schon kurz nach dem Ablegen beschlossen.

Freitag, 17. Dezember 2010, 06:30 Uhr, deutsche/schwedische Zeit, Hafen von Stockholm
Irina und ich verlassen nach einem knappen Frühstück das Schiff und kämpfen uns über das Cityterminal von Stockholm bis zum Flughafen Arlanda durch.
6 Stunden vor dem geplanten Boarding meiner Maschine nach Berlin sind wir angekommen und diese 6 Stunden kommen mir nach einer schlaflosen Nacht wie eine Ewigkeit vor. Die Zeit will auch einfach nicht vergehen. Irinas Flug um 9 wurde gecancelled und sie lässt sich auf den nästen Flug um 17 Uhr umbuchen. Sitzen wir schonmal nicht allein herum.
Um 13 Uhr, nachdem wir Marathonläufe zwischen Terminal 2 und Terminal 5 hinter uns haben begebe ich mich zum Check in. Koffer mit 1 Kilo Übergepäck ist kein Problem, allerdings bekomme ich gleich einen Essenscoupon über 60 Kronen in die Hand gedrückt, da jetzt schon bekannt ist, dass mein Flug 3 Stunden verspätet starten soll.

Naja, was solls, denke ich mir, verabschiede mich schließlich von Irina und setze meinen Weg fort. Den Sicherheitscheck überwinde ich ohne Piepen und Taschendurchwühlen, kann ja nun nichts mehr schiefgehen. Denke ich. Der Flug ist laut Anzeige am Gate mittlerweile auf 18:20 geplant, wird knapp in Berlin, aber das passt schon.
Als er gegen halb 4 auf 17:50 hüpft steigt der Optimismus rasant.

Freitag, 17. Dezember 2010, 16:55, deutsche/schwedische Zeit, Flughafen Arlanda
Innerhalb von einer Sekunde ist die Anzeigetafel von 17:50 auf 19:50 gehüpft und ich finde es langsam nicht mehr lustig. Mittlerweile bin ich seit 37 Stunden wach und hätte gegen ein Bett nichts einzuwenden.
Den Gutschein habe ich mir aufgehoben, weil ich diese lächerlichen 6 Euro Entschädigung gerne einrahmen und an die Wand hängen möchte.

19:00 Uhr –  nichts tut sich. Gerüchten zufolge warten in Berlin Menschen auf genau den Flieger der uns aus Stockholm abholen soll. Ein genervter Stuttgarter Geschäftsmann ruft bei airberlin an.
Resultat: der Flieger soll um 22:03 abheben, aber dann auch definitiv. Okay, abgesehen davon, dass bei uns noch immer 19:50 steht, eine Nacht in Berlin ist wohl noch auszuhalten.

19:15 Uhr – ein Anruf meiner Mutter widerlegt die Versprechungen die der Geschäftsmann zu hören bekam. Der Flug ist gecancelt. Allerdings nur im Internet, bei uns steht nach wie vor 19:50.

19:30 Uhr – die Anzeigetafel am Gate erlischt ohne weitere Info. Ich bin einem Nervenzusammenbruch nahe, weiß aber, dass dieser mich auch nicht heimbringt. Zusammen mit ein paar Geschäftsmännern, mit denen ich ins Gespräch kam, mache ich mich auf den Weg zum Schalter von Nordic Aero – einen eigenen airberlin Schalter gibt es nicht.
Wir haben Glück, sind unter den ersten.
Doch die nächste Hiobsbotschaft folgt: die Flüge für Samstag sind gecancelt, der einzige, der fliegen soll, ist voll. Nächste Möglichkeit: Sonntagabend. Das ist ja wohl ein schlechter Witz, dennoch schnappe ich erst einmal den Wisch für die kostenlose Hotelübernachtung, organisiere mir meinen Koffer zurück und suche den Shuttlebus. Dort treffe ich auf ein Mädchen, welches genau so entnervt aussieht wie ich.
Judith heißt sie, kommt aus Stuttgart und studiert in Schweden Biologie. Auch sie hatte gehofft endlich ihre Familie wieder in die Arme schließen zu können.
Wir schwatzen, verstehen uns gut und Essen zusammen im Hotel zu Abend, bevor ich nach mittlerweile 42 Stunden ohne Schlaf völlig fertig ins Bett falle.

Samstag, 18. Dezember 2010, 08:10 Uhr deutsche/schwedische Zeit, Connect Hotel Stockholm
Nach einer zu kurzen Nacht und einem kurzen Frühstück machen Judith und ich uns extra sehr früh auf zum Flughafen, vielleicht geht ja heute mehr und wir können doch schon fliegen.
Das Resultat ist ernüchternd, alle Flüge von allen Fluglinien auf alle deutschen Flughäfen sind rappelvoll. Wir bekommen ein neues Hotel und machen uns auf den Weg dorthin.
Es gibt dort wenigstens freies Internet und während Judith sich in Stockholm mit einer Freundin trifft, vergrabe ich mich hinter dem Laptop. Ich hasse dieses Land.

Sonntag, 19. Dezember 2010, 9:30 Uhr deutsche/schwedische Zeit, Quality Hotel Stockholm
Nach einem verplämperten Samstag stehen wir auf und gehen frühstücken. Wenigstens das ist lecker.
Um 12 Uhr müssen wir auschecken, bringen unsere Koffer im Gepäckraum unter und schauen uns im angrenzenden Einkaufszentrum um.

13:10 Uhr – wir sind zu Tode gelangweilt und machen uns auf dem Weg zum Flughafen, weil wo wir nun herumsitzen ist ja eigentlich egal.
Wir finden in unserem Terminal ein nettes Plätzchen mit weichen Stühlen und Steckdose für den Laptop, wenn auch kein Internet.
Der Flug soll mit einer Stunde Verspätung fliegen und Frankfurt ist scheinbar zu. Ich gehe zum Schalter und frage ob ich auf Berlin-Stuttgart umbuchen kann, da ich schon befürchte dass mein Anschlussflug nach Frankfurt auch annulliert wird. Nein, geht nicht, denn noch steht er ja drin. Schön. Darauf werde ich später nochmal zurückkommen.
Wir verbringen die Zeit mit Filme schauen auf meinem Laptop und damit, 2 Ehepaaren mittleren Alters unsere Geschichte zu erzählen, die sehr interessiert und noch entsetzter sind.

18:30 Uhr – wir passieren erneut den Sicherheitscheck und setzen uns ans Gate. Vom Flieger fehlt noch immer jede Spur, er scheint jedoch immerhin in Berlin angehoben zu sein.
Zu uns gesellt sich ein äußerst attraktiver und sympathischer junger Mann, dessen Jacke mit 4 goldenen Streifen ihn als Flugkapitän kennzeichnet, zusammen mit einem Herr der etwas älter ist als er und zwei Stewardessen. Der zweite Herr, der sich später als Flugbegleiter herausstellt, spricht uns an, da wir so müde aussehen und so erfährt auch unsere airberlin-Crew von unserer Odyssee.
Das Pläuschchen heitert jedoch auf, da der Flugbegleiter einen wirklich angenehmen und erfrischenden Humor hat und auch seine beiden Kolleginnen sehr nett sind. Zumal es mal eine ganze neue Erfahrung ist, so eine Crew ein wenig kennenzulernen und ihre Horrorstories zu hören. Ich beneide sie nicht um den Job.
Endlich kommt eine airberlin Maschine angerollt, die Crew geht an Bord und wir dürfen wenig später tatsächlich auch die Maschine betreten.
Vom uns mittlerweile bekannten Steward, bekommen wir mit Augenzwinkern den Bonbonkorb gleich dreimal hingehalten.

20:25 Uhr – endlich mit 2 Stunden Verspätung hebt das Flugzeug ab. Tack och Adjö, Sverige. Auf nimmer Wiedersehen. Wir bekommen von den beiden Mädels die den Flug begleiten doppelt Getränke und – als einzige Fluggäste – auch zwei Snacks statt einem. So ein bisschen Smalltalk ist doch echt was Praktisches.

21:45 Uhr – Berlin, du bist so wunderbar, Berlin.
Endlich auf deutschem Boden und mein Flieger nach Frankfurt, der um 20:30 hätte gehen sollen ist sogar noch da. Beziehungsweise er ist NOCH NICHT da und der Mann am Sicherheitscheck den ich nochmal passieren muss, macht mir keine Hoffnungen. Und tatsächlich. Um 23:00 ist auch dieser Flug gecancelt. Nur inoffiziell, so wirklich mitteilen tut uns das niemand.
Ich kenne die Prozedur inzwischen und bestehe diesmal auf eine Umbuchung auf einen Flug nach Stuttgart. Ich verweise hiermit auf die Stelle früher im Text, wo ich das schon einmal versuchte, aber wo der Flug ja angeblich noch gehen sollte. Schon traurig, dass ich scheinbar mehr Ahnung von den momentanen Flugannullierungen habe, als die Airline selbst.

23:45 Uhr – ich habe endlich meinen Koffer wieder und einen Flug um 6:25 Uhr nach Stuttgart. Einen Hotelwisch habe ich auch, allerdings lohnt sich das für mich nicht mehr groß.
Ich dackle bis Terminal C, von wo mein Flug gehen soll und finde eine Steckdose um weiter “Machen wirs auf Finnisch” und “Perhoshäkki” anzuschauen.

00:55 Uhr – ein Sicherheitsbeamter schickt mich und ein paar andere Wartende weg, da das Terminal geschlossen wird, also watschle ich den gesamten Weg und noch länger wieder zurück bis in Terminal D, welches nachts geöffnet bleibt und wo ich auf eine Ladung mehr wartende und schlafende Leute treffe.

Montag, 20. Dezember 2010, 02:32 Uhr, deutsche Zeit, Flughafen Berlin Tegel
Ich bekomme gleich wieder einen Nervenzusammenbruch, wenn ich mir diese Zahlen anschaue! Ich sollte mittlerweile seit 53 Stunden daheim sein und ich bin seit geschlagenen 83 unterwegs, wenn man bei Tampere anfängt zu rechnen. Stattdessen sitze ich im Terminal D, wo ich zum Glück auch eine Steckdose fand, und warte das Terminal C wieder aufmacht.
Wenn der Flug nach Stuttgart gecancelt ist oder mehr als eine halbe Stunde Verspätung hat, dann gibt es Tote. Und ich laufe nach Frankfurt.
Scheißwochenende.
Aber ich hoffe auf das Beste, denn auch mein Pech muss ja irgendwann einmal ein Ende haben.

Montag, 20. Dezember 2010, 12:35 Uhr, deutsche Zeit, Flughafen Berlin Tegel
Ja, Flughafen Berlin Tegel. Ich bin immer noch hier.
Das Pech hat wohl KEIN Ende.
Wir sind pünktlich um 5:55 Uhr in den Flieger nach Stuttgart gestiegen, kamen in die Enteisung, alles fein. Dann ging plötzlich nichts mehr und wir bekamen – oh Wunder – auch mal wieder null Info. Nur irgendwann nach geschlagenen 3 Stunden auf dem Rollfeld die, dass wir nun zurück auf die Parkposition rollen und alle aussteigen, die Startbahnen können nicht genutzt werden. Ich muss hier anmerken, dass es für deutsche Verhältnisse zwar in der Tat viel Schnee hat, aber die Bezeichnung “Schneechaos” trotzdem mehr als lächerlich ist.
Meine Mutter und Frank machen sich auf den 600km langen Weg nach Berlin um mich abzuholen, während ich mich zusammen mit einem älteren Herrn und einem Mitte-zwanzig-jährigem Jungen aus meinem Flieger, sowie den restlichen Insassen unseres Fliegers und den Insassen von 3 weiteren leergeräumten Fliegern am airberlin-Schalter anstelle um den Leuten nun endgültig die Meinung zu geigen.
Geschlagene 3 Stunden stehen wir da, bis wir dran sind und ich zu hören kriege ich solle mich an den Kundendienst wenden, aber mir keine Hoffnungen machen, da nicht airberlin sondern der Schnee Schuld ist.

Montag, 20. Dezember 2010, 22:45 Uhr, deutsche Zeit, Biebesheim
Geschlagene 73 Stunden und somit 3 Tage und 1 Stunde nachdem ich hätte da sein sollen, bin ich endlich dort wo ich sein wollte. Man glaubt es kaum. Vielen Dank an Frank und meine Mutter, dass sie sich das antaten.

Donnerstag, 6. Dezember 2011, 17:45 Uhr, finnische Zeit, daheim in Tampere
Nachtrag.
Ich bekam gestern Antwort vom freundlichen airberlin Kundendienst.
Natürlich hab ich versucht nicht wegen der Verspätung und den Annullierungen, für die airberlin ja an sich wirklich nichts kann, sondern wegen dem absolut miserablen Service und der nicht vorhandenen Kooperation mit den Kunden irgendwie an eine Entschädigung zu kommen. Fehlanzeige.
Für das Chaos können sie selbst nichts und sie hatten genug zu tun, bei tausenden von Leuten die zufriedengestellt und umgebucht werden mussten. Sie hätten ja ihr bestes getan und es tue ihnen aufrichtig leid, doch mehr könnten sie leider nicht tun und mit einer Entschädigung bräuchte ich auch nicht zu rechnen, ich hätte ja schon Unterkunft und Verpflegung (darf ich über letzteres lachen?) bekommen.
Fickt euch ins Knie!
Sorry, für die Wortwahl, aber ist doch wahr.
Ich hab jetzt auch genug davon, mir sind meine Nerven zu schade, als dass ich da jetzt weiter auf die Barrikaden gehen werde. Mein nächster Flug geht mit Finnair und auch sonst werde ich versuchen von jetzt an andere Fluglinien zu wählen, bei denen Kundenzufriedenheit vielleicht an etwas höherer Stelle steht. Man sollte es sich nie mit einer Tourismus-Studentin die den ganzen Kram erst im Unterricht durchnahm verscherzen. So nett die Besatzung unseres einen Fluges auch wahr und so unkompliziert der Rückflug im Grunde verlief.
Customer Relationship Management – versagt auf ganzer Ebene.
Sorry airberlin!

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1 Comment »

  1. Ilka Said:

    Oh man >.< Ich hatte im Sommer eigentlich einen recht guten Eindruck von AirBerlin… aber dann stieg ich nun wohl doch komplett auf KLM um. Finnair kann ich mir leider nicht leisten^^

    "Fick dich ins Knie!" ist übrigens der richtige Ausdruck.


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